„Von der Hilflosigkeit zur Handlungskultur – Elternschaft als Thema der Suchthilfe“

GVS-Fachtag  11. Juni 2012

Im Interesse der Kinder: Die Förderung von Elternkompetenzen muss verstärkt werden!

Ein großes Teilnehmerinteresse erreichte der Fachtag des GVS unter dem Motto „Von der Hilflosigkeit zur Handlungskultur – Elternschaft als Thema der Suchthilfe“ am 11. Juni 2012 in Berlin-Spandau. Rund 180 Personen – vor allem aus den Bereichen der Sucht- und der Jugendhilfe – unterstützten den GVS darüber hinaus mit konkreten Empfehlungen zur zukünftigen Bearbeitung des Themas Elternschaft und Suchterkrankung, die während der Veranstaltung erarbeitet wurden. Offiziell vorgestellt wurde das neue Projekt des GVS „Elternschaft und Suchterkrankung“. Es wird im Herbst 2012 starten und sieht unter anderem Maßnahmen zur Ressourcenoptimierung in beteiligten Piloteinrichtungen und thematische Angebote im Bereich der Online-Communities vor.

„Suchtkranke Eltern wollen gute Eltern sein“, aber für Kinder aus Hochrisikofamilien muss die „Balance zwischen negativen Einflüssen und Schutzfaktoren stimmen“

Diese beiden Zitate führte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmans als Schirmherrin der Veranstaltung in ihrem Grußwort an. „Wichtig ist bei allen Initiativen, dass die Kinder mit ihren Gefühlen und ihrer Angst nicht allein gelassen werden, dass die Abhängigkeit der Eltern enttabuisiert wird, dass sie über Ängste und über das Thema Sucht mit jemandem sprechen können, dem sie vertrauen“ und dabei sei es „optimal, wenn Eltern diese Öffnung nach außen zulassen“, so die  Bundesdrogenbeauftragte. Sie betonte, dass man den Eltern ihre Ängste und Vorbehalte gegenüber den Bemühungen der Hilfesysteme nehmen muss, denn „die Eltern müssen verstehen, dass die Projekte, die sich an ihre Kinder richten, keine Bedrohung für sie darstellen, sondern sie selbst auch entlasten können“. Dyckmans machte deutlich, dass „die Suchthilfe mit ihren spezifischen Kenntnissen über Abhängigkeiten eine Lotsenfunktion übernehmen und die Hilfen in einer von Sucht betroffenen Familie bündeln“ kann.

„Aktive, klare Unterstützung und Begleitung Suchtkranker in ihrer Elternrolle und -verantwortung hilft immer auch deren Kindern!“

Mit diesem deutlichen Plädoyer zu einer verstärkten Förderung von Elternkompetenzen schloss Ingrid Arenz-Greiving, Leiterin des trialog-Instituts für Organisationsberatung und Supervision in Münster, den ersten Fachvortrag des Fachtags. In ihren Ausführungen machte sie auf einen „Nachholbedarf“ aufmerksam, wenn es darum geht, auch die Eltern in ihren Rollen und mit ihren Bedürfnissen stärker in den Blick zu nehmen.

Einen dazu passenden erfolgversprechenden Lösungsansatz zeigte Prof. Dr. Meinrad Armbruster vom Magdeburger Ausbildungsinstitut für Psychotherapeutische Psychologie in seinem Vortrag mit der Vorstellung des Magdeburger Empowerment-Programms ELTERN-AG auf, das besonders für sozial benachteiligte Eltern mit Kindern im Vorschulbereich ent-wickelt worden ist. Dieses Programm ermutigt Eltern, ihre Ressourcen wahrzunehmen und einzusetzen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und so Selbstwirksamkeit in der Erziehung und im Umgang mit pädagogischen und psychosozialen Facheinrichtungen zu erleben.

In seinem Abschlussvortrag zur Resilienzförderung gab Prof. Dr. Michael Klein, Leiter des Deutschen Instituts für Sucht- und Präventionsforschung in Köln, den wichtigen Hinweis, dass die bei Familien und Eltern für die Kinder vorhandenen Schutzfaktoren „realistisch“ einzuschätzen und entsprechend zu fördern seien. „Die Evidenz, dass eine Ausweitung des Hilfesystems auf die den Suchtkranken umgebende Familie geschehen muss, ist so deutlich, dass das Verharren in ausschließlich individuumsorientierten Konzepten einen gesundheits- und versorgungspolitischen ,Kurzschluss’ darstellt“, betont Klein in seinem Resümee.

Auch als Signal auf die fachlichen Forderungen und begleitend zur Fachtagung hat der GVS nun das Internetportal www.eltern-sucht.deveröffentlicht. Insbesondere mit einem Blog-Angebot bietet es Informationen und Vernetzung für Betroffene und Fachkräfte. Beide Zielgruppen haben die Möglichkeit, sich mit ihren Erfahrungen, Positionen, Fragen und Problemstellungen in Form von Kommentaren und eigenen Beiträgen zu beteiligen.

Die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Suchthilfe ist zum Wohl der Kinder!

Kinder von Eltern mit Suchtstörungen sind in ihrer Entwicklung einer deutlich erhöhten Belastung ausgesetzt. Auch die traurigen Ereignisse in Bremen (Kevin, 2006) und Chantal (Hamburg, 2012) sowie die in der Folge nach der Entnahme von Haarproben in Bremen gefundenen Substanzreste bei Kleinkindern von sich in einer Substitutionstherapie befindlichen drogenabhängigen Eltern machen nur allzu deutlich: Hier müssen alle Beteiligten in einer helfenden Gesellschaft eng zusammen arbeiten! Auch die Bundesdrogenbeauftragte mahnte hier eine neue Handlungskultur an, denn „wir dürfen substituierte Eltern nicht unter einen Generalverdacht stellen, dass sie nicht willens und in der Lage seien, für das Wohlergehen ihrer Kinder zu sorgen. Gerade diese Familien brauchen Informationen, Hilfe, Unterstützung und Begleitung von Sucht- und Jugendhilfe! Auf der anderen Seite muss selbstverständlich unbedingt ausgeschlossen werden, dass Kinder an Drogen und Substitutionsmittel ihrer Eltern gelangen.“

Der GVS setzt sich daher mit einem aktuell herausgegebenen Positionspapier dafür ein, dass Minimal-Standards in der Handlungspraxis der Substitutionstherapie flächendeckend umgesetzt werden. Im Interesse der Kinder aus suchtbelasteten Familien, insbesondere bei Substitutionsbehandlungen, beschreiben diese Standards angemessene Rahmenbedingungen und deren Überprüfungen. Das Positionspapier können Sie unter www.sucht.org oder direkt über den GVS beziehen.

Dokumentation des Fachtags (Pdf)