Konzepte und Angebote bekannt machen, Austausch zwischen Beteiligten fördern!

Dies ist das richtige Motto des GVS, welches ich sehr gerne mit diesem Beitrag unterstütze

Seit bald 30 Jahren bin ich überwiegend in der Suchtberatung tätig und es ist eigent­lich nicht zu verstehen, warum diese erst in den letzten Jahren zunehmend aktiv suchtbelastete Familien als ganzes in den Blick nimmt und Angebote für Kinder aus Suchtkranken regelhaft umsetzt. Sicher hat dies in den Landkreisen auch damit zu tun, dass Personal- und Sachressourcen hier deutlich geringer als in größeren Städ­ten zur Verfügung stehen. Andererseits hat die Suchtberatung eine lange Tradition darin, Angebote für Partner und Eltern von Suchtkranken vorzuhalten bzw. eng mit Selbsthilfeangeboten für Angehörige zu kooperieren. Deshalb darf diese Frage mit Recht gestellt werden.

Mein persönliches Schlüsselerlebnis hatte ich in Bezug auf Kinder aus suchtbelaste­ten Familien zu Beginn der 90iger Jahre. Erfolgreich hatte ich – damals Streetworker in der Drogenberatung – dazu beigetragen, dass sich die Substitutionsbehandlung vor Ort durchsetzt. Die geordnete Behandlung unterstütze eine Klientin zu deren Schwangerschaft. Die Klientin befindet sich seither in Behandlung mit Methadon. Ihr Kind ist inzwischen im jugendlichen Alter. Ich durfte miterleben, wie das Kind zwar nicht die volle Verhaltensvolatilität einer suchtkranken Mutter abbekam, dennoch reichten Substitutionsbehandlung und psychosoziale Betreuung nicht aus, dass dem Kind eine erfolgreiche Entwicklung gelang. Im Lauf der Zeit haben sich Entwick­lungsverzögerungen auf allen Ebenen eingestellt (Mehrfaches Wiederholen in der Schule, Sonderbeschulung, keine Teilnahme an adäquaten Freizeitmaßnahmen wie z.B. Sportvereinen, etc.). Jugendhilfemaßnahmen haben die Situation phasenweise gemildert, jedoch nicht nachhaltig beseitig. Dies ist leider kein bedauerlicher Einzel­fall, sondern nach der Erfahrungen in unserem Team bei einem Teil der sich in Sub­stitutionsbehandlung  befindenden Eltern die Regel. Es betrifft v. a. jene Familien, bei denen die opiatabhängigen Eltern sich über Jahrzehnte hinweg ohne durchgreifende Veränderung in Behandlung befinden. Natürlich gibt es auch die positiven Ge­schichten eines „magering-out“. All zu leicht wird man in Diskussionen immer noch in die Ecke der Gegnerschaft von Substitutionsbehandlung gedrängt, sofern man Er­gebnisse dieser Behandlung als verbesserungswürdig kritisiert. Vielleicht so etwas wie ein „deutscher“ Reflex, nachdem hier die Durchsetzung der Behandlung gegen besonderen politischen Widerstand erfolgte.

Die Erziehungsfähigkeit von Eltern mit Suchtstörungen korrespondiert sehr eng mit deren aktueller Suchtentwicklung. Wer das Gegenteil behauptet ignoriert weltweit eindeutige Forschungsergebnisse. Der Entwicklungsverlauf der Abhängigkeit ist des­halb fortlaufend zu beobachten und zu bewerten. Wer wäre dazu besser in der Lage als die Suchtberatung in Zusammenarbeit mit der Suchtmedizin?

Unser Handlungsrahmen in der Beratung und der für ergänzende Hilfemaßnahmen für die Familie ist entsprechend dem Schweregrad der Störung zu definieren. Dies bringt uns automatisch in die allseits bekannten Rollenkonflikte, welche sich aber durch geeignete Vorgehensweisen lösen lassen. Dies sehe ich als unsere Professionalität.

Rückblickend war es für die konzeptionelle Entwicklung der Suchthilfezentren der Diakonie im Landkreis Böblingen sehr gut, dass wir zunächst die Substituierten mit Elternverantwortung besonders in den Blick nahmen. Intensive Auseinandersetzun­gen im Team hinsichtlich unserer Rolle und Aufgabenstellung folgten daraus. Am Ende gelang es, dass wir uns auf definierte Handlungsabläufe bei diesen Familien einigten und seither erfolgreich umsetzen. Hierzu gehört natürlich die nahtlose Zu­sammenarbeit mit dem Jugendamt und verschiedenen Jugendhilfeanbietern u. v. m. Erst später entwickelten wir eine ähnliche Praxis für Alkoholabhängige, die in Eltern­verantwortung stehen.

Heute geben uns und allen an der Hilfeerbringung Beteiligten diese Regeln viel Si­cherheit für das alltägliche Handeln. Wir sind uns inzwischen ebenfalls sicher, dass Eltern mit Suchtstörungen unsere Beratungsangebote trotz dieser Regeln nicht we­niger nachfragen. Es wird jedoch immer noch oft angenommen, dass wir von Eltern mit Suchtstörungen zuviel Mitwirkung abverlangen würden, nicht genug „nie­derschwellig“ wären.

Unsere Erfahrung ist, dass Eltern mit Suchtstörungen gute Eltern sein wollen. Sie haben besondere Hemmschwellen im Zugang zur Hilfe, egal ob sich diese Hemmung aus Scham, Schuld oder der Angst vor einem Eingriff in ihr Elterrecht speist. Deshalb sehen wir uns stärker in der Verpflichtung auf diese Gruppe aktiv zuzugehen. Hierzu gehört es auch in bestimmten Situationen Anforderungen zu stellen. Diese Anforde­rungen leiten sich dabei aus ihrer Elternverantwortung ab.

Die Situation der Kinder bleibt jedoch trotz dieser Weiterentwicklungen insgesamt unbefriedigend. Es sind zwar wirksame Jugendhilfeangebote bei uns entstanden, welche die Kinder aus suchtbelasteten Familien speziell fördern, mangelhaft ist je­doch oft der Zugang dorthin und dass die Unterstützung i. d. R. noch keinen langen Atem hat. Jugendhilfemaßnahmen folgen nach meiner Beobachtung dem Duktus einer Effizienz, die hohe Wirksamkeit in möglichst kurzer Zeit zum Ziel hat. Dies ist in Bezug auf Entwicklungsprozesse für Kinder in Suchtfamilien nicht nachhaltig genug und damit schlussendlich ineffizient, da die gesellschaftliche Teilhabe eines großen Teils der Kinder unzureichend bleibt.

Diese Kinder benötigen vielmehr langfristiges Begleiten in vglw. geringer Intensität und kurzfristig immer wieder intensive Unterstützung, wenn es z. B. wieder mal schief läuft oder zu gehen droht. Die Hilfeintensivierung darf nicht dann erst einsetzen, wenn die Situation prekär ist.

Dass dies noch unzureichend gelingt hat auch damit zu tun, dass Aufträge und Rol­len für die beteiligten Disziplinen und Akteure im jeweiligen Sozialraum – trotz man­cher inzwischen erfolgter rechtlichen Klarstellung – in der Praxis oft noch diffus sind. Datenschutz und Schweigepflicht werden immer noch gerne als Vorwand genom­men, um keine Initiative ergreifen zu müssen.

Die Sätze aus einer Positionierung des GVS zu Beginn des Jahres finde ich nach wie vor die Situation sehr gut beschreibend:

„Von Abhängigkeit betroffene Familien sind generell mit unserem segmentisierten Hilfesystem unzureichend versorgt. Dies gilt besonders für jene Familien, in dem ein oder beide Elternteile opiat- sind bzw. polytoxikoman abhängig sind. Es ist evident, dass Kinder sterben, behindert geboren werden bzw. durch Verabreichung von Suchtstoffen zu Schaden kommen, obwohl deren suchtmittelabhängige Eltern in professionellen Hilfesystemen versorgt werden. Diese völlig unbefriedigende Situa­tion ist strukturell teilweise analysiert, jedoch bisher nur vereinzelt angegangen wor­den. Es setzen sich tagtäglich Schädigungen bei Ungeborenen und Kinder fort. Be­kannt werdende Todesfälle sind nur die Spitze des Eisbergs.“

Die Internetplattform Elternschaft und Sucht ist vor diesem Hintergrund ein notwendi­ges Instrument, um unsere fachlichen Standards besser als bisher weiter zu entwi­ckeln. Ich bedanke mich bei den Initiatoren/-innen für die Schaffung und hoffe auf intensive Nutzung!

One thought on “Konzepte und Angebote bekannt machen, Austausch zwischen Beteiligten fördern!

  1. Kinder aus suchtbelasteten Familien
    Als ich 1996 eine Gruppe für Kinder aus suchtbelasteten Familien gründete, merkte ich sehr schnell, dass Kinder ganz dringend Hilfe brauchen, wenn es „brennt“. Ich entwickelte ein Konzept in dem die Eltern mit eingebunden werden. Eltern kommen mit ihren Kindern- reden getrennt um nachher wieder gemeinsam zu basteln, malen oder auch um zu reden. Wir treffen uns alle 4 Wochen. Die Kinder selbst suchten sich den Namen „Smily Kids“ aus- lächelnde Kinder. Und so ist es auch. Wenn Kinder kommen um über ihre Ängste und Sorgen zu reden, dann befreien sie sich. Diese Kinder können aber auch daheim mit ihren Eltern reden, weil diese es gestatten. Sie haben eingesehen, dass ihr Kind doch etwas gemerkt hat und helfen ihm dabei. Bei uns im DV Paderborn gründen wir in Kürze die 5.te Smily Kids Gruppe und unser Verband unterstützt uns. Wir sind im Internet und auch bei Facebook zu finden. Schauen Sie einfach mal rein. Unsere Arbeit verrichten wir ehrenamtlich. Im Jahr 2007 habe ich für meine Idee und das Konzept den Oskar Kuhn-Preis in Berlin überreicht bekommen. Dieser Preis sollte die Wichtigkeit unterstreichen um noch mehr auf diese Kinder, die ganz dringend Hilfe brauchen, aufmerksam zu machen.

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