Die Praxiserfahrungen der Fachambulanz Kiel

Kindeswohlgefährdung aus Sicht der Suchthilfe

von J. Rademann

2012 nahmen die Jugendämter über 40.000 Kinder und Jugendliche aus ihren Familien. So viele wie noch nie zuvor, eine Steigerung von 43% seit 2007! Die Gründe für die Inobhutnahmen und oft anschließenden Fremdunterbringungen sind vielfältig. Aber als einen Hauptgrund nennt das Statistische Bundesamt die Überforderung der Eltern. Was sich darunter verstehen lässt, soll anhand von Erfahrungen der Projektes „Hilfe für Kinder drogenabhängiger Eltern“ (HiKiDra) der Fachambulanz Kiel in diesem Artikel beantwortet werden.

Eine Drogensucht der Eltern findet sich nicht im oberen Ranking der Gründe für eine Inobhutnahme. Dennoch spielt sie für die Kindeswohlgefährdung eine nicht unerhebliche Rolle. Waren in den 1990er Jahren noch ca. 60% der Kinder von Drogenabhängigen fremduntergebracht, ging diese Zahl bis 2010 auf etwa 30% zurück. Mittlerweile steigt die Zahl wieder an.

Wenn man sich die Fälle aus den letzten Jahren genauer anschaut, bei denen Kinder von suchtkranken Eltern zu Tode gekommen sind, zeigt sich, dass oft bereits mehrere
Unterstützungssysteme installiert waren. Es stellen sich also Fragen nach der Qualität sozialer Arbeit und ihrer Passgenauigkeit, nach der Zusammenarbeit und Haltung der einzelnen Systeme gegenüber offenen Fragen. Es ist ein grundsätzliches Problem für die Einschätzung der Familiensituation, wenn z. B. die beteiligten Hilfesysteme positive Urinkontrollen, die Beikonsum mit Medikamenten, Alkohol oder Cannabis aufweisen, unterschiedlich bewerten.

Aber auch eine nicht ausgesprochene Gefährdungseinschätzung oder nicht transparente Vorgehensweise einzelner Beteiligter im Hilfesystem schürt die Angst der Eltern und behindert einen vertrauensvollen Beziehungsaufbau zu ihnen. Damit wird die Voraussetzung für eine konstruktive Zusammenarbeit und Gefahrenabwendung zum Wohle der Kinder oft von Anfang an gefährdet.

Zudem ist die Mitwirkungspflicht der Eltern außer Kraft gesetzt. Die Eltern wagen es nicht, Ansprüche gegenüber Kosten- und Leistungsträgern geltend zu machen. Kaum eine Mutter traut sich, gegenüber Sachbearbeitern und Leistungserbringern, die keine Vertrauenspersonen sind, die Wirklichkeit anzusprechen, Schwäche zuzugeben, Hilfe zu erbitten. Vermeidung und Unwahrheiten sind ständige Begleiter der Sucht, sind gelernte Verhaltensweisen. Indem die Forderungen an die Mütter nach Erziehung, Regulierung, Informationspflicht u.s.w. steigen und sie die Ansprüche nicht bewältigen können, entsteht bei ihnen zwangsläufig ein Gefühl der Überforderung. So verwundert es nicht, dass z.B. Kita und Schule über mangelnde Elternarbeit klagen. 

→ bitte weiterlesen in Partnerschaftlich 04/13

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